Arbeitstage

Erzählung

„Viele Menschen, die nun aus- und einsteigen, ziehen kleinere oder größere Koffer und Taschen hinter sich her. Alte Koffer ohne Rollen, die man am Henkel tragen muss, gibt es fast nicht mehr. Ab und an werden sie von jungen Menschen getragen, die sich dadurch von der Masse abheben wollen. In meiner Jugend in Prag hatten wir Koffer, die braun waren und aussehen sollten, als seien sie aus Leder. In Wirklichkeit waren sie aus fester Pappe. Sie waren nicht besonders stabil und brachen auseinander, wenn die Pappe einriss. Mit so einem Pappkoffer bin ich von zu Hause ausgezogen.“

„Arbeitstage“ erzählt aus der Ich-Perspektive eines tschechischen Emigranten mit jüdischen Wurzeln von der banalen bis skurrilen Alltagswirklichkeit eines langjährigen Bibliotheksdirektors in Berlin.
In einem Geflecht aus Autobiographie und Fiktion, Vergangenheit und Gegenwart mischen sich Alltags- und Traumwelten, Gedanken- und Wunschkonstruktionen – historische, berufliche, familiäre und auch sexuelle. Die Erinnerungsfragmente an das Über- und Weiterleben der Eltern, die eigene Kindheit in der Tschechoslowakei, Flucht und Emigration über Rumänien in die Schweiz durchzieht, wie ein roter Faden, das Privateste und Menschlichste im fest strukturierten Tagesablauf innerhalb einer klar begrenzten räumlichen Oszillation im Berliner Berufsverkehr.
Bulaty erzählt eine Emigrationsgeschichte, deren präzise Sprache sich außerhalb tradierter Muster und Diskurse bewegt und eine irritierende Alltäglichkeit entwirft. In kurzen, prägnanten Sätzen gelingt Bulaty der fließende Übergang von Gegenwartsbeschreibungen zu Erinnerungen und Gedanken an die Vergangenheit. Gleichzeitig erlaubt er den Einbruch des Grotesken in eine nur scheinbar belanglose Alltagswelt.



Milan Bulaty
Arbeitstage
Sprache: Deutsch
152 Seiten, Hardcover
ISBN: 978-3-95565-218-0
17,90 €