Adolf Rudnicki

Sommer 1938

Übersetzung: Aus dem Polnischen von Barbara Breysach
Sprache: Deutsch
190 Seiten, Klappenbroschur
1 Abbildungen
ISBN: 978-3-95565-444-3
Erschienen: 2021
17,90 €

Der letzte Sommer des polnischen Judentums

Kazimierz Dolny an der Weichsel war schon in den 1920er und 1930er Jahren eine beliebte Sommerfrische, nicht zuletzt für die Warschauer Intelligenz und das künstlerische Milieu der polnischen Hauptstadt. Hier präsentiert sich ein Ensemble illustrer kleiner Heldinnen und Helden mit ihren teils diffusen Weltbildern: Geliebte beiderlei Geschlechts, Künstler, Kunstliebhaber, Frustrierte und Inspirierte, Fischer, ein Barbesitzer, eine Eisverkäuferin, ein Politfunktionär, eine jüdische Bettlerin, fromme Juden, diverse Lebedamen, elegante und weniger elegante Kavaliere sowie tiefe Frömmigkeit, katholischer Volksglaube, Kleingeist, Halbverrücktes und politische Träume. Sie umgibt eine atemberaubende Aura aus jüdischem Leben und polnisch-jüdischem Gegeneinander, Hetze und Hoffnungslosigkeit, Frömmigkeit und Libertinage.


Zum Spannungsbogen zwischen Hauptstadt und Provinz gesellt sich ein dritter Schauplatz: 
das Städtchen Góra Kalwaria (jiddisch Ger), das westlichste Zentrum des polnischen Chassidismus. Sie bilden eine Trias zwischen kleinstädtischem Alltag, der ersehnten Flucht in die imaginierte Gegenwelt einer polnisch-jüdischen Sommeridylle und der Vitalität der chassidischen Gemeinschaft und ihrer traditionellen Heilserwartungen. 


Rudnickis Erzählessay besticht durch seine ironisch zugespitzte Analyse der Zwischenkriegsgesellschaft, ihren Merkwürdigkeiten und Verklemmtheiten, ihrer Sehnsucht nach einem Ausbruch aus den sozialen Konventionen und der damit einhergehenden Angst. Es gelingt ihm auf diese Weise exemplarisch, den letzten Sommer des polnischen Judentums literarisch zu bewahren.

Herausgegeben, aus dem Polnischen übersetzt und mit einem Nachwort von Barbara Breysach 


Adolf Rudnicki

wurde 1909 als Aron Hirschhorn in Żabno unweit Tarnów in eine chassidische Familie geboren. In den frühen 1930er Jahren ließ er sich in Warschau nieder, nahm den Namen Adolf Rudnicki an und veröffentlichte erste Prosawerke. Der Umzug nach Warschau markierte den Bruch mit dem tiefgläubigen Umfeld seines Vaters. Rudnicki kämpfte 1939 in der polnischen Armee und floh anschließend in das sowjetisch besetzte Lwów. 1942 kehrte er nach Warschau zurück, beschaffte sich falsche Papiere und nahm an illegalen literarischen Aktivitäten teil. 1944 trat er in die Polnische Arbeiterpartei ein und wurde nach Kriegsende Redakteur der Zeitschrift „Kuźnica“, einem Sprachrohr der neuen sozialistischen Literaturauffassung. Gleichzeitig entwickelte er sich zu einer der wichtigsten Stimmen der Erinnerung an die Shoah und die Vergangenheit der jüdischen Lebenswelten Polens. Erst in den 1960er Jahren begann Rudnicki gegen die Zensur zu opponieren. 1972 ließ er sich mit seiner Familie in Frankreich nieder. Er kehrte 1987 nach Warschau zurück, wo er 1990 starb. Zu Rudnickis hierzulande so gut wie unbekanntem Werk zählen Romane, Erzählungen, Essays und autobiographische Skizzen und Reflexionen. In den 1960er Jahren erschienen Auswahlbände seiner Werke im Aufbau Verlag.